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Jeder Mensch ist ein Kosmos
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Jean-Christophe Ammann über Malerei und Lebensraum
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Malerei ist heute das Schwirigste, und zwar die gegenständliche, die figürliche Malerei. Nicht die zurückgewandte Malerei, sondern die aus einem Denken, einem Bewusstsein, einem umfassenden und übergreifenden Gespür für die Gegenwart heraus entwickelte Malerei. Die gegenständliche Malerei setzt ein räumliches Verständnis, ja eine Intuition für den Raum voraus: für den eigenen emotionalen Resonanzraum zum einen, für die Dreidimensionalität des Raumes zum anderen. Ich betone dies deshalb, weil die flache, zweidimensionale Bildschirmwahrnehmung so unverhältnismäßig stark unsere Wahrnehmung allgemein verändert und verändert hat: eine subversive, gleichsam subkutane Veränderung, der man sich gar nicht bewusst ist. Das hat nicht zuletzt auch gesellschaftspolitische Folgen, weil die in den öffentlichen Raum projizierte Flachheit der Wahrnehmung fatale Konsequenzen nach sich zieht: "Flache" Probleme werden "real" interpretiert, jedoch ohne dass sie einen realen Gehalt aufzuweisen hätten. Der Neurobiologe Wolf Singer hat es sinngemäß einmal so formuliert: Wolle man der Bildungsmisere Herr werden, müsste man die Gehälterskala umkehren. Am wenigsten würden dann die Professoren verdienen. Damit meinte er keineswegs eine Rückkehr zum "real existierenden Sozialismus". Er wollte damit nur der Praxisferne von Bildungs- und Ausbildungsmodellen Ausdruck geben. Anders ausgedrückt: Wo der Mensch (das Kind) der intensivsten und nachhaltigsten Betreuung bedarf, gerade dort sind die dafür zuständigen Protagonisten und Institutionen sowohl finanziell und qualitativ am schlechtesten ausgestattet. Der Lebensraum meint eben nicht dessen medialisiertes Surrogat. Die Flut von Bildern, die auf uns eindringt, kann nie und nimmer die eigenen Bilder und das eigene Begehren ersetzen. Man verstehe mich richtig: Mir liegt nichts an einer Abwehrhaltung. Wichtig scheint mir das Erlernen des Umgangs mit einem Informations-, Wissens- und Bilder-angebot, wie es in solcher Dichte und Zugänglichkeit noch nie existiert hat. Die beliebige Abrufbarkeit von Wissen kann niemals dessen Erfahrung ersetzen. Die Abrufbarkeit von Wissen ist "flach". Dessen Erfahrung ist räumlich. Nehmen wir ein Beispiel: Ein Maler erhält den Auftrag, einen bedeutenden Sammler und Unternehmer zu malen. Er bittet den Mann, ihm täglich, über einen längeren Zeitraum, zwei Stunden Modell zu sitzen. Der Auftraggeber winkt ab: Er sitze fast täglich im Flugzeug. Also bleibt dem Maler nichts anderes übrig, als sein Modell mittels eines Fotos derart zu malen, dass man in der Folge den Eindruck erhält, er sei ihm, dem Maler, tatsächlich Modell gesessen. In Wirklichkeit bemächtigt sich der Maler einer im Ausdruck, Licht und Form gleichbleibenden Fläche. Gesteht nun aber der Gemalte dem Maler die täglichen zwei Stunden zu, ereignet sich etwas ganz anderes. Der Ausdruck, die Stimmung, das Licht, die tägliche Laune beiderseits - all das wird einer ständigen Veränderung unterworfen. Es geht hier nicht um ein Problem der unmittelbaren Ähnlichkeit. Es geht um den realen Raum "dazwischen". Der Bildhauer und Maler Alberto Giacometti hat das Problem einmal wie folgt beschrieben: "Es ist der Raum, den man gräbt, um den Gegenstand [das Modell] zu schaffen, und im Gegenzug schafft der Gegenstand [das Modell] den Raum. Es ist der Raum selbst, der sich zwischen dem Modell und dem Bildhauer befindet." Als der französische Künstler Paul Cézanne seinen Galeristen Ambroise Vollard über 100 Stunden lang gemalt hatte und dieser bemängelte, es gäbe da noch einige unbearbeitete Stellen, welche die nackte Leinwand zeigten, meinte Cézanne, er müsse jetzt zuerst in den Louvre, sich ei-nige Bilder anschauen. Danach gäbe es zwei Möglichkeiten: Entweder würde er die Stellen ausmalen, oder er müsse ein neues Porträt von ihm beginnen. Ambroise Vollard, der viel Beschäftigte, "bekreuzigte" sich. Die Leerstellen sind uns bis heute überliefert. Was ich sagen will: Es geht keineswegs darum, einer "alterthümlichen" Vorgehensweise erneut den Weg zu ebnen. Auch wenn uns dies Lucian Freud im vollen Bewusstsein seines gegenwärtigen Handelns grandios und souverän vor Augen führt - deshalb wäre eine Ausstellung von Freud und Giacometti so aufschlussreich -, es geht vielmehr darum, den Raum "dazwischen" nicht zu erfinden, sondern existenziell neu zu entdecken. Letztlich ist dieser Raum keineswegs allein auf die Malerei bezogen. Er zeigt sich in der Fotografie, in Film und Video gleicherma-ßen, dann, wenn eben nicht das Dokument, sondern das Bild, die exi-stenzielle Radikalität im Vordergrund steht. Bei jüngeren Malern erkennt man rasch, ob sie eine räumliche Sicht-weise besitzen oder nicht. Wäre ich heute Lehrer an einer Akademie, würde ich das Zeichnen nach Modell jedem Studenten bis zum letzten Semester abverlangen, unabhängig davon, für welches Medium er sich letztendlich entscheidet. Das Zeichnen nach Modell impliziert die Langsamkeit, das konzentrierte, originäre Schauen, die Anschauung. Auf zwei jüngere Maler möchte ich hier kurz hinweisen: Der eine ist Matthias Weischer ( Jahrgang 1973). Seine Architekturbilder und Inte-rieurs wachsen Schicht für Schicht aus einem virtuell konzipierten Raum heraus, perspektivisch und aperspektivisch, konstruktiv und frei zugleich. So entsteht eine kompakte, sinnliche Malerei, die sich über die verschiedenen Bedeutungs-, Sinn- und Funktionsebenen gleichsam selbst auflädt. Tilo Baumgärtel (Jahrgang 1972) ist motivisch völlig ungebunden. Die Malerei ist dünnflüssig, das Licht kann dramatisch, diffus und kalt sein, aber auch nächtlich und grünlich. Es ist, als würde Baumgärtel in Umkehrschlüssen denken, dabei feststellen, dass der Hinweg mit dem Rückweg nicht kompatibel ist und dies als eine befremdliche Zäsur erleben. Er staunt mit den Menschen, die er malt, die oft Dinge tun, die einem eher im Traum begegnen. Er staunt in das Licht hinein, das sich zu halluzinierenden Gegenständen verdichtet. Die Rede von der Malerei meint kein "Trendsetting". So etwas läge mir fern. Aber sie weist uns den Weg vom "Dokumentarischen" weg, hin zu den Inhalten. Unter Inhalten wäre dann zu verstehen, dass jeder Mensch ein Kosmos und nicht ein Vernetzungsprodukt ist. Dass jeder Mensch seine Sicht und sein Begehren in die Welt trägt und dadurch Welt konstituiert, beispielhaft als Künstler. Dass Wandel zwar Kontinui-tät garantiert, aber auch umgekehrt: Erst Kontinuität ermöglicht den Wandel. Auf die Kunst bezogen, plädiere ich für eine Kontinuität, die dem Wandel nachhaltig eine Chance gibt. Insofern ist die gegenständliche Malerei eine Einübung in die anthropologische, Zeit und Raum durchdringende Konstante.
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| Kunstzeitung, Ausgabe Nr.75 / November2002, Seite15 |